
Ich kann vieles. Aber nichts richtig.
Lange Zeit war das mein Standardgedanke. Heute weiß ich: Das war kein Mangel an Fokus, sondern die Ausbildung für das, was ich heute tue. Ich bin das, was man eine Scanner-Persönlichkeit nennt. Ich arbeite mich schnell ein, verstehe Zusammenhänge und finde mich überall zurecht. Aber während alle um mich herum von Spezialisierung redeten, fragte ich mich: Und was fange ich jetzt mit diesem Weitblick an?
Ich habe in den unterschiedlichsten Bereichen gearbeitet. Ich war im Kundenservice, im Vertrieb, ich habe Trainings gehalten, Bücher geschrieben, über 10.000 Texte verfasst, Abteilungen geleitet.
Die Suche nach dem „Klick“-Moment
Es war nie langweilig, aber es war auch nie so, dass ich gesagt hätte: Das ist es jetzt. Das hat mich lange beschäftigt. Irgendwann ist mir dann aber etwas aufgefallen. Lustigerweise gar nicht bei mir, sondern bei den anderen.
Warum wir lesen, nicken und sofort wieder vergessen
Ich habe begonnen, mir Webseiten anzuschauen von den unterschiedlichsten Unternehmen. In erster Linie, weil ich davon für meine eigene Seite das Beste rausziehen wollte.
Meistens habe ich mir gedacht: Da steckt so viel Arbeit, Zeit und Energie drin, und wahrscheinlich bleibt trotzdem fast nichts hängen.
Ich habe mich dabei ertappt, dass ich oft genau das Gleiche mache wie viele andere. Ich lese etwas, nicke innerlich und denke mir, dass das eh gut klingt. Aber keine zwei Minuten später habe ich es wieder vergessen.
Irgendwann habe ich begonnen, mich zu fragen, woran das eigentlich liegt. Warum bleibt mir das eine im Kopf und das andere nicht? Ich habe dann angefangen, genauer hinzuschauen. Weg vom Lesen, mehr zur genauen Analyse: Wie wirkt eine Seite auf mich, wenn ich sie zum ersten Mal sehe? Wo bin ich sofort drin und wo steige ich innerlich nach dem zweiten Satz wieder aus?
Das spannende Ergebnis dabei war, dass das oft nichts mit der Qualität der Webseite zu tun hatte, wie meine Reaktion ausfiel. Es waren jetzt nicht nur die „schlechten“ Inhalte, die untergehen, sondern auch oft die, wo du merkst, dass da immens viel Arbeit reingeflossen ist. Nur halt eben trotzdem ohne diesen einen Punkt, an dem es Klick macht.
Das hat mich irgendwann mehr interessiert als das Schreiben selbst. Ich habe angefangen, die Dinge immer mehr zu hinterfragen.
Den Fokus verschieben: Vom Schreiben zum Verstehen
Warum haben die das jetzt genau so formuliert?
Warum wird genau das hervorgehoben und nicht etwas anderes?
Und vor allem: Was bleibt am Ende wirklich übrig?
Ehrlicherweise habe mich dabei auch oft selbst ertappt, dass ich gute und sauber formulierte Texte geschrieben habe, aber auch nicht wirklich auf deren Wirkung geachtet habe. Das war dann wahrscheinlich auch irgendwann der Punkt, an dem sich bei mir etwas gedreht hat. Ich habe aufgehört, nur am Text zu arbeiten. (Nicht nur, weil es mir keine Freude bereitet hat, sondern zugegebenermaßen auch deshalb, weil aufgrund der KI auch die Aufträge immer weniger geworden sind.)
Der eigentliche Hebel liegt vor dem ersten Buchstaben
Ich habe darüber nachgedacht und mich dafür interessiert, was davor passiert. Bevor der erste Buchstabe geschrieben wird. Heute gehe ich an viele Dinge anders heran als früher. Ich schaue mir etwas an und merke relativ schnell, wo es mich verliert, wo etwas unklar wird und wo ich innerlich abschalte.
Genau dort wird es nämlich spannend. Denn der eigentliche Hebel liegt nicht darin, einfach weißen Raum mit Wörtern zu füllen. Das habe ich über Jahre, Umwege und unzählige Gespräche gelernt.
Wenn mich heute jemand fragt, was ich eigentlich mache, ist die Antwort simpel: Ich schaue mir Dinge an. Und ich finde heraus, warum sie nicht so wirken, wie sie könnten.
Manchmal ist das Problem ein falsches Wort. Meistens ist es ein fehlender Gedanke. Der Rest ergibt sich dann von selbst – denn wer erst einmal verstanden hat, warum niemand zuhört, muss meistens gar nicht mehr laut schreien, um gehört zu werden.
